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Furcht ist nicht in der Liebe

Dr. Martin Luther King auf einer Pressekonferenz 1964.

In den aktuellen antirassistischen Demonstrationen und Protestaktionen in den USA, aber zugleich auch in deren Ablehnung durch Teile des konservativen weißen Amerika, kommt mittlerweile ein Mann zu Wort, der bereits seit 52 Jahren tot ist – Martin Luther King.

 

Im April 1968 ist er in Memphis/ Tennesee von einem weißen Rassisten erschossen worden. Es spricht also nicht Martin Luther King, aber von beiden Seiten beruft man sich auf ihn und wird gefragt: Was würde Martin Luther King jetzt in dieser Situation sagen und tun oder eben nicht tun? Und es werden ihm dann entsprechende Worte oder Anweisungen zugesprochen. Dabei hat die Erinnerung an Martin Luther King in den USA, nicht zuletzt auch seit der Einrichtung eines eigenen Martin-Luther-King-Feiertages 1989, ein solches Gewicht, dass sich eben nicht nur Bürgerrechtsaktivisten auf ihn berufen, sondern auch ihre Gegner. Diese bemühen King vor allem als „Apostel der Gewaltlosigkeit“ und werfen den Protestierenden vor, sich bei Straßenblockaden, Angriffe auf umstrittene Denkmale, offensiven Demonstration gegen die Polizei und die staatlichen Organe vom friedlichen Geist Kings zu entfernen und Dinge zu tun, die angeblich nicht in dessen Sinn gewesen wären. Die eigentlichen Erben Kings aber, das sind vor allem auch die Nachfolger und Nachnachfolger Kings auf seinen Pfarrstellen und den Orten seines Wirkens, aber auch in den anderen großen schwarzen Gemeinden, halten dagegen und stellen „Black Lives Matter“ in die Kontinuität der Bürgerrechtsbewegung, die King in den fünfziger und sechziger Jahren geführt hat. Durchaus zurecht, so schrieb die Historikerin Jeanne Theoharis kürzlich in einer Studie und verwahrte sich dagegen, dass Freiheitskämpfer wie King, in – wie sie es formulierte –

 

 

„Thanksgiving-Umzugsballons umfunktioniert (würden), (die) überlebensgroß über uns schweben; ungefährliche, glückliche Patrioten.“

 

Die reale Geschichte werde zu einer harmlosen Fabel umfunktioniert und Kings Visionen einer umfassenden Gerechtigkeit für alle Armen und Unterdrückten verdrängt. Dabei wird auch oft übersehen oder sogar bewußt ausgeblendet, dass der Baptistenpfarrer Dr. Martin Luther King nicht einfach nur ein charismatischer Prediger war, sondern sich stets seiner theologischen Grundsätze und Wurzeln bewußt gewesen ist. Die afroamerikanische Frömmigkeit war Teil seiner Identität, aber auch die weiße Theologie kannte er und hat sie sicherlich besser verstanden, als die meisten weißen Fundamentalisten. Nicht zufällig schrieb King seine theologische Dissertation über einen der ganz großen deutschen Theologen des 20. Jahrhunderts, Paul Tillich, der 1933 wegen seiner kritischen Haltung gegenüber dem „Dritten Reich“ in die USA emigriert war und dort an den Universitäten Harvard und Chicago gelehrt hat.

 

Welche Wege aber mußten die afroamerikanischen Christen zurücklegen, um sicher zu sein, dass Gott kein weißer Rassist war, sondern ein Gott, der Menschen rettet und befreit. Eine entscheidende Rolle spielte dabei die Geschichte des Volkes Israel, das Gott aus der Sklaverei befreit und ins gelobte Land geführt hatte. Hier fanden sich die afroamerikanischen Christen genauso wieder, wie in dem Leben Jesu, der im Stall zur Welt kam, um mit Liebe und ohne Gewalt diese Welt zu retten. Afroamerikanische Theologie kennt also andere Schwerpunkte, als die bis heute in einem nicht geringen Maß von einem bürgerlichen Wohlfühl- und Ordnungsdenken geprägte deutsche Theologie. Afroamerikanische Theologie ist dagegen vor allem Befreiungstheologie.

 

Es war aber die große Leistung Martin Luther Kings, nicht das Trennende, sondern das Verbindende zu suchen. Ihn kümmerten daher auch nicht nur die Verhältnisse in den USA, sondern er sprach von der gesamten Welt als einem gemeinsamen Haus der Völker, ein Denken, das heute so aktuell ist wie damals. Es war die weltweite Armut und Unterdrückung, die weltweiten Strukturen der Gewalt, die er im Blick hatte. Und er war sicher, dass diese Herausforderungen nur durch einen gewaltlosen, wenn auch energischen, solidarischen und engagierten Kampf gegen Rassismus und für die Versöhnung zu lösen waren. „Das ist das große, neue Problem der Menschheit“, so sagte King,

„Wir haben ein großes Haus geerbt ... in dem wir zusammen leben müssen – Schwarze und Weiße, Morgenländer und Abendländer, Juden und Nichtjuden, Katholiken und Protestanten, Moslems und Hindus - eine Familie, die ... irgendwie lernen muß, in Frieden miteinander auszukommen.“

 

Und King sah, wie die Zeit drängte.

„Es gibt so etwas wie ein Zuspätkommen. Heute haben wir noch die Wahl, aber wie lange noch?“

 

King suchte das Böse zu überwinden, auch durch einen aktiven, wenngleich gewaltlosen Widerstand. Und dazu gehört Mut und Unterscheidungsfähigkeit. Dabei wird der Mut immer wieder durch die Furcht in Frage gestellt. Martin Luther King war sich dessen bewußt und er schaute auf das Neue Testament:

„Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die völlige Liebe treibt die Furcht aus,“

 

so zitierte er immer wieder 1. Joh 4,18. Der Glaube weiß, so King, dass nichts den Menschen von der Liebe Gottes scheiden kann. Und so schließt er eine Predigt über „Mittel gegen die Furcht“ mit einem wundervollen Bild: „Der Glaube“, so sagt er da, „verwandelt den rauhen Sturm der Verzweiflung in die Brise der Hoffnung. Die Worte eines Wandspruchs, der in der vergangenen Generation in vielen Häusern frommer Familien zu finden war, sollten in unsere Herzen eingegraben sein:

Die Furcht klopfte an die Tür. Der Glaube antwortete. Niemand trat ein.

 

Ein Wort, auch in Corona-Zeiten zu bedenken: „Die Furcht klopfte an die Tür. Der Glaube antwortete. Niemand trat ein.“ Amen.



Herr, wir leben gegenwärtig in einer Welt mit vielen Ängsten.

Auch bei uns haben Menschen Angst vor den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie;

haben Politiker Angst vor unpopulären Maßnahmen, weil sie das Wählerstimmen kosten könnte;

haben Jugendliche Angst vor einer ungewissen Zukunft;

haben Polizisten Angst, von der Gesellschaft im Stich gelassen zu werden,

haben die Kirchen Angst, ihre öffentliche Relevanz zu verlieren.

Solche und viele andere Ängste zeigen sich dabei in je eigener Gestalt:

in Gewalt, in Gleichgültigkeit, in der Flucht in die Sucht, in Neid oder im Schweigen gegenüber den Problemen.

Auch wir selbst wissen, wie die Angst uns ganz klein machen kann.


Wir können die Welt nicht aus ihren Ängsten befreien,

aber wir können auf den weisen, der es kann, auf Dich.

Du bist Gott, der unserer Angst seine Liebe entgegensetzt.

Du bist Gott, der uns die Instrumente gegen die Angst in die Hand gibt,

nämlich den Geist der Versöhnung und der Gemeinschaft.

Du bist Gott, der sich unserer erbarmt und die Angst von uns nimmt.

Dafür steht und lebt unser Bruder Jesus Christus.

Wir bekennen, er ist dein Sohn.

Wir glauben, er hat sich der Macht des großen Angstmachers Tod widersetzt und ist auferstanden in dein Reich.

Wir hoffen, dass sein Leben auch unser Leben ist.

Das Vertrauen darauf schenke uns der Glaube, der aller Angst entgegentritt. Amen

 

Studentenpfarrer Dr. Tilman M. Schröder, 01.07.2020, Evangelische Studentengemeinde Stuttgart.