Header der Stuttgarter ESG mit Stadtskyline und rotem Hahn

Distanz und Nächstenliebe - ESG-Andacht vom 6. Mai 2020, von Studentenpfarrer Dr. Tilman M. Schröder

Ab dieser Woche gibt es wieder öffentliche Gottesdienste. Das ist die gute Nachricht. Diese Gottesdienste unterliegen bestimmten Auflagen in Sachen Desinfektion, Ablauf, Mundschutz und körperlicher Distanz, d.h. zum Beispiel, nur etwa ein Viertel aller Sitzplätze darf überhaupt besetzt werden, Das ist die weniger gute Nachricht. Entsprechend schrieben Reinhard Bingener und Thomas Jansen am vergangenen Samstag in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung:

 

„Bei aller Freude über die wiedergewonnenen Möglichkeiten werden die Religionsgemeinschaften allerdings von der Frage begleitet werden, welche erbauliche Wirkung auf die Seelen von ihren Gottesdiensten angesichts der umfänglichen Schutzmaßnahmen ausgehen kann. Eine tabellarische Übersicht zu den geplanten Hygienemaßnahmen aus dem Bundesinnenministerium liest sich jedenfalls wie eine Liste des liturgischen Grauens. ‚Keine Gesangbücher/ Kein Gemeindegesang / Keine Chöre ... / Eucharistiefeier mit Handschuhen/ ohne Dialog /Abstand beim Austeilen durch Priester (ggf. mit Zange).‘“

 

Erschrocken fragte daraufhin der Magdeburger Bischof Gerhard Feige angesichts des ganzen Maßnahmenkatalogs, wie das gehen solle, wenn zu den Gottesdiensten nicht mehr die Kranken und Schwachen kommen dürften, sondern möglichst nur die Starken und Gesunden, und diese Wenigen dann auch einer sehr seltsamen Liturgie folgten. Da müsse man sich nicht wundern, wenn, so Bischof Feige,

 

„wir allmählich in Gefahr geraten zu versekten.“

 

Ich glaube, man kann den Bischof beruhigen. Eine „seltsame Liturgie“ macht noch keine Sekte, vor allem wenn sie, so hilflos sie auch wirken mag, ja der augenblicklichen Gefahrensituation geschuldet ist und also um die Unversehrtheit von Menschen besorgt ist. Ein solches fürsorgliches Handeln gehört sehr wohl zum Auftrag der Kirche wie überhaupt zum derzeitig verantwortlichen Handeln von uns allen.

 

Und das muß man auch wohl denjenigen Zeitgenossen sagen, die jetzt vermehrt auf Demos und vor Verwaltungsgerichte ziehen, um für die Aufhebung aller Corona bedingten Schutzmaßnahmen zu kämpfen, weil, so ihre Begründung, sie sich darin in ihrer Selbstverwirklichung und ihren Freiheitsrechten eingeschränkt sehen. Andere klagen über eine angebliche Gesundheitsdiktatur, gegenüber der man ein Widerstandsrecht habe. Vor wenigen Wochen noch machte die Angst viele Menschen still. Aber kaum haben wir – und so genau wissen wir es nicht einmal – das Schlimmste der Infektionswelle hinter uns, da geht es schon wieder los, das Ringen um das eigene gute Leben und das Achselzucken über die Nachbarn, von denen ja am Ende nicht wenige körperlich und wirtschaftlich schwer angeschlagen dastehen werden. Dabei zeigt uns gerade die aktuelle Krise, wie sehr wir auch weltweit auf Gemeinschaft und gegenseitige Hilfe angewiesen sind. Der Corona-Virus kann ja durchaus wieder zurückkehren.


Ein Wort Jesu ist mir dazu durch den Kopf gegangen: In Matthäus 16 diskutieren die Jünger mit ihm über die richtige Form der Nachfolge. Jesus weist aufs Kreuz und erläutert dann:

„Denn wer sein Leben erhalten will, der wird‘s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nehme doch Schaden an seiner Seele?“


Auch Jesus fordert hier – ganz aktuell – zur Distanz auf, Distanz aber nicht zum Nächsten, sondern zum eigenen egozentrierten Selbst. Das ewige dominierende Ich-Ich-Ich behauptet zwar, dass wir uns selbst der höchste Wert sein sollen, aber das führt uns eben nicht weiter. Denn weil wir uns letztendlich nur im Kreis um uns selbst drehen, haben wir uns am Schluß selbst isoliert. Du gewinnst dich nicht, wenn du nur dich selbst suchst und dabei an der durch Christus gegebenen und erneuerten Menschlichkeit vorbei gehst, so der Sinn dieses Wort. Menschlichkeit wird es nur da geben, wenn du bereit bist, auch etwas von dir selbst einzusetzen, wenn du bereit bist, auch einmal Opfer zu bringen. Das muß nicht gleich das ganze Leben sein, aber zumindest etwas von deiner Zeit, deiner Kraft, deiner Liebe oder wie jetzt nötig: von deiner Geduld. Einmal etwas verschenken können, auch wenn der Verlust ein klein wenig weh tut.

 

Da wo Menschen im Namen Christi zusammenkommen und darin neue Hoffnung gewinnen, wo sie von anderen in ihrem Wert erkannt und respektiert werden, da geht es, theologisch gesprochen, um Hingabe, da erkennen andere Menschen, was Gnade heißt. Der Weg zum wirklichen und wahren Selbst führt also aus dem eigenen abgeschlossen Inneren meines Ichs geradezu hinaus, hin zur Gemeinschaft mit anderen. In der aktuellen Krise gilt es, so merkwürdig es klingt, beides miteinander zu verbinden: das äußerliche Distanzhalten und die innere solidarische Nähe. Aber die Zeiten werden sich auch wieder ändern. Gott sei Dank. Schön, wer dann sagen kann: Danke Herr, ich habe Dein Wort gehört, ich habe es verstanden, ich bin Dir auf dem Weg zu den Menschen gefolgt. Amen.


Wir beten:

 

Herr, wir bitten Dich für alle Menschen, die aktuell am Corona-Virus erkrankt sind,

die auf Intensivstationen um ihr Leben kämpfen

oder noch nicht wissen, mit welcher Kraft die Krankheit auf sie zukommen wird.

Wir bitten Dich für die Menschen, die bereits Angehörige verloren haben oder um deren Leben bangen.

 

Wir bitten Dich für alle die Ärzte und Pflegepersonal, die im Wissen um die eigene Gefährdung ganz selbstverständlich ihren Dienst tun.

Sei Du mit Ihnen allen, begleite sie in ihren Ängsten und Fragen, bewahre und beschütze sie im Leben und auch im Sterben.

 

Wir bitten dich auch für uns, die wir versuchen, ein Stück Normalität zu leben.

Viele Menschen erleben auch ohne Erkrankung in diesen Wochen Isolation, wirtschaftliche Not und Furcht vor den Folgen der Pandemie für die berufliche Zukunft.

 

Begleite uns daher auf unseren Wegen, damit wir nicht auf die Abwege von Egoismus und Selbstüberhöhung geraten und durch unsolidarisches Handeln und Wegschauen Schuld auf uns nehmen.

Gib uns dein Wort als Wegweiser gerade in schwierigen Zeiten und schenke uns das Vertrauen in deine Gnade und Liebe, die uns immer umgibt und weiterhilft.

 

Amen