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queue_music "Eine feste Burg ..."

Von wegen „Kantate“, „Singet!“, dem Thema des vergangenen Sonntags. Ja, es gibt nun zwar wieder Gottesdienste, aber öffentlich gesungen dürfen Kirchenlieder aus seuchenhygienischen Gründen weiterhin nicht. Jedoch über ein Kirchenlied reden – das ist erlaubt und über das folgende Lied zu reden, ist in diesen Zeiten vielleicht sogar besonders notwendig.

Heinrich Heine nannte es nicht ganz grundlos die „Marseillaise der Reformation“, das Lutherlied: „Eine feste Burg ist unser Gott“. Es gilt in der Tat als das evangelische „Kampflied“ schlechthin, weswegen es im Laufe der deutschen Geschichte bei allen kriegerischen Anlässen begeistert gesungen wurde, laut und dröhnend. In den Befreiungskriegen gegen Napoleons Herrschaft genauso wie in den nachfolgenden deutschen Kriegen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es etwas ruhiger intoniert. Als „evangelisches Kampflied“ hatte „Eine feste Burg ist unser Gott“ natürlich auch im ökumenischen Kontext keine Chance. Vielen katholischen Christen ist das Lied deswegen bis heute ziemlich fremd geblieben, obwohl es ja vom Text her eine klare biblische Herkunft hat, nämlich Psalm 46:

Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.“

Aber zu welchem „Kampf“ soll Luther eigentlich dieses Lied geschrieben haben?

Der alt böse Feind mit Ernst er’s jetzt meint; groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist, auf Erd ist nicht seins gleichen,“

so dichtet Luther und das klingt nicht nach Türkenkriegen oder päpstlicher Gewalt, wie es manche vielleicht doch zu vorschnell interpretieren, sondern hier ist der Teufel mit im Spiel. 1529 erscheint das Lied erstmals vollständig im Druck, das heißt aber, es muß von Luther sehr viel früher geschrieben worden sein. Das Osmanische Heer erschien freilich erst im September 1529 zur Belagerung vor Wien. Und vom Papst war zu dieser Zeit ebenfalls wenig zu hören, da er kurz zuvor, im Sommer 1527, eine empfindliche militärische Niederlage einstecken mußte. Die Soldaten Kaiser Karls V. hatten Rom erobert und den Papst in der Engelsburg eingeschlossen. Der Fall Roms, der „Sacco di Roma“, die Plünderung und die Zerstörung vieler seiner Kunstschätze über neun Monate hinweg, galt als die kulturelle Katastrophe des Jahrhunderts schlechthin. Nach dem unbesiegbaren Teufel, dem „alt bös Feind“ des Liedes, klingt das nicht.

 

Aber eine ganz andere und für viele Menschen damals sehr viel furchtbarere Macht näherte sich 1527 Wittenberg und alle wußten nur zu gut, was das bedeuten konnte. Im Juli dieses Jahres kam nämlich die Pest in die Stadt. Übrigens nicht zum ersten Mal. Im 16. Jahrhundert gab es mehrere Pestwellen in Deutschland, so dass man wußte, dass alle herkömmlichen Therapieansätze vergebens waren. Im Juli 1527 gab es in Wittenberg das erste Pestopfer. Man verlegte daraufhin die Universität weg aus Wittenberg, aber Martin Luther blieb vor Ort. Er nahm sogar Erkrankte in sein Haus auf. Für Mitmenschen, die flüchteten, hatte er aber Verständnis. Flucht sei keine Sünde, dennoch müssten die Hilfsstrukturen erhalten bleiben. Er forderte daher alle Amtsträger, Ärzte, Pfarrer und Pflegekräfte, das waren die Angehörigen von Erkrankten, dazu auf, in der Stadt zu bleiben und die Kranken zu betreuen. Die Krankheit sei keine Strafe Gottes, sondern komme vom Teufel. Sie sei daher als eine Bewährungsprobe des Glaubens zu verstehen und zu bestehen.

 

Aber an einem Punkt kann Luther dann richtig wütend werden und da passt er gut hinein in die gegenwärtige Diskussion über nachlassende Vorsichtsmaßnahmen: Zornig greift er das Verhalten von nur leicht erkrankten Pestinfizierten an, die sich ungerührt unter die noch gesunden Mitmenschen mischen und sie dadurch anstecken. Wer solchermaßen absichtlich seinen Nächsten in Gefahr bringe, der handele wie ein Mörder. Seine eigene Aufgabe aber sieht Luther in der tatkräftigen praktischen Hilfe – und im Trost seiner verängstigten und trauernden Gemeinde. Ja, und genau da passt es denn auch hinein, das angebliche Kampflied, das doch nichts anderes, aber auch nichts weniger sein will als ein Trost- und Glaubenslied in Zeiten der Seuche. Luther hat es wohl in diesen Spätsommer- und Herbstmonaten 1527 geschrieben. Aber dann liest und hört es sich auch ganz anders, sogar der umstrittene vierte Vers, nämlich nicht kriegerisch, sondern beherzt; nicht polemisch, sondern voller Hoffnung; nicht politisch, sondern mit Zuversicht, wie eben ein Gebet auch in Coronazeiten – und als solches lese ich es jetzt auch:

 

Eine feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen. Der alt böse Feind mit Ernst er’s jetzt meint, groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist, auf Erd ist nicht seinsgleichen.

 

Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren; es streit‘ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott, das Feld muß er behalten.

 

Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen. Der Fürst dieser Welt, wie sau’r er sich stellt, tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht‘; ein Wörtlein kann ihn fällen.

 

Das Wort sie sollen lassen stahn und kein‘ Dank dazu haben; er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben. Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: laß fahren dahin, sie haben‘ kein Gewinn, das Reich muß uns doch bleiben.“ Amen.

 

Studentenpfarrer Dr. Tilman M. Schröder, 13.05.2020