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"Steh auf!" - Predigt

Liebe Hochschulgemeinde,


den Anstoß zum Predigttext für unseren Gottesdienst gab der Monatsspruch für diesen Juli 2020, ein Text, der also schon lange vor diesem schicksalsträchtigen Jahr festgelegt worden ist und der dennoch hellsichtig auch auf unsere Situation eingeht. Es sind Verse aus dem Alten Testament, nämlich aus dem 1. Buch der Könige, Kap. 19, 1-8, also einem Teil der Geschichten um den Propheten Elia:


„Und König Ahab sagte seiner Frau Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten des Gottes Baal mit dem Schwert umgebracht hatte. Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir das und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, was du diesen getan hast! Da fürchte sich Elia, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort. Er aber ging hin in die Wüste eine Tagesreise weit und kam und setzte sich unter einen Ginster und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele, ich bin nicht besser als meine Väter.

Und er legte sich hin und schlief unter dem Ginster. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb“.


Was uns hier erzählt wird, ist die Geschichte eines Absturzes. Eben noch ein Held, verwandelt sich der Prophet Elia in ein Häuflein Elend. Und wie so oft, wenn Männer abstürzen, hat eine Frau ihre Hand im Spiel. Hier ist es die Königin Isebel, eine politisch sehr aktive Frau, die, da zudem noch Ausländerin und also Heidin, in der biblischen Überlieferung sehr schlecht wegkommt. Sie ist die durchaus kluge Gattin des ansonsten intellektuell eher anspruchslosen Königs Ahab und wird als Königinmutter nach Ahabs Tod noch eine große Rolle in Israel spielen.


Aber es ist nicht immer alles so, wie es auf den ersten Blick hin scheint. Wenn es nämlich um den reinen Straftatbestand geht, sind auch Elias vorausgegangene Aktionen mehr als fragwürdig. Elias Name ist nämlich durchaus Programm. „Elia“, das heißt: „Mein Gott ist Jahwe“, also: Mein Gott ist der Gott Israels. Und sein Leben lang kämpft Elia darum, dass alleine sein Gott angebetet wird. Das Ganze eskaliert, als Ahab, König von Israel, die phönizische Prinzessin Isebel heiratet. Zu diesem Ereignis bringt Isebel gleich ihre eigene Baalsreligion samt Priesterschaft mit nach Israel und beginnt dort mit der Verfolgung und Vernichtung der ansässigen Jahwepropheten. Von religiöser Toleranz ist damals noch nicht die Rede, vom Glauben an einen einzigen Gott sowieso nicht und so läßt Ahab seine Frau gewähren und opfert nun eben gleichzeitig Jahwe und dem Fruchtbarkeitskult Baals. Für Elia, den einzig noch aktiven Propheten Gottes, ist das natürlich ein absolutes „No-Go“. Es kommt zur direkten Konfrontation und einer Art „Vergleichswettkampf“ zwischen Elia und den Baalspriestern, davon berichten die vorausgehenden Verse. Elia und also der Gott Israels gehen daraus als Sieger hervor, worauf Elia, so die Erzählung, eigenhändig alle Baalspriester umbringt, immerhin 450 an der Zahl. Historisch exakt wird man diese Zahlen natürlich nicht nehmen dürfen.


Die 450 Baalspriester sind sicherlich nicht brav in einer Schlange vor Elia angestanden, nur um geduldig zu warten, bis auch sie an die Reihe kamen, um von diesem einzelnen Mann mit dem Schwert hingerichtet zu werden. Zudem spricht Elia zwar währenddessen unentwegt vom Gott Israels und dass er das alles in dessen Namen und Auftrag vollbringt, Gott selbst aber schweigt auffälligerweise während der ganzen Erzählung. Isebel dagegen schweigt nicht. Im Gegenteil. Die rachsüchtige Königin will nun umgekehrt den Kopf Elias haben.


Soweit die Vorgeschichte, aber nun direkt zu Elia. Er, der eben noch vollmundig und stolz im Vollgefühl seines göttlichen Auftrags schwelgte, das ganze Volk Israel begeisterte und selbst den König Ahab herum kommandierte, ihn überfällt nach Isebels Drohung schlicht die Angst. Dabei mußte er ja von vornherein mit einer Gegenreaktion der Königin rechnen. Elia läuft weg, er lässt sogar seinen Diener zurück und sucht die Einsamkeit der Wüste. Man könnte meinen, es wird hier von zwei ganz verschiedenen Personen gesprochen. Zunächst werbewirksam und gleichsam auf Hochglanzpapier gedruckt von dem mutigen Propheten und Gotteskämpfer Elia und seinen geradezu märchenhaften Taten und vollbrachten Wundern. Und dann von Elia, einem Menschen wie du und ich, dem plötzlich alle Felle davon schwimmen, der sich ganz klein fühlt, der auch gar nicht mehr kämpfen, sondern möglichst ganz alleine und unbeachtet sein und nur noch sterben will.

„Es ist genug, so nimm nun, Gott, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.“


Mehr ist von ihm nicht zu hören und das ist nicht eben viel für einen Propheten, der sich davor unentwegt auf seine guten Kontakte mit Gott berufen hat. Wo bleibt aber jetzt das kraftvolle Gebet um Gottes Hilfe und Beistand? Keine Silbe ist davon zu hören Was ist da also mit Elia geschehen? Hatte ihm Isebels Drohung klar gemacht, dass er im Grunde mit seinem Massaker an den Baalspriestern seinen Auftrag überzogen hatte? War das Schweigen Gottes dazu eben doch kein Zufall, sondern ein im Gegenteil sehr vielsagendes Schweigen, von wegen, das mag Deine Aktion sein, aber mein Wille ist es nicht?


Natürlich ist das zu modern gefragt, zu psychologisch, aber es gibt ja eine erstaunliche Aussage Elias – „ich bin nicht besser als meine Väter“. Man kann es als eine Art Selbsterkenntnis verstehen. Ich habe auch nicht mehr geleistet, als die Propheten vor mir, ich war weder erfolgreicher noch moralisch besser, ich bin nicht der Volksheld, der ich doch sein wollte, nicht der Einzelkämpfer für die Ehre Gottes. Ohne Gottes Hilfe bin ich gar nichts. Da stehe ich sogar sehr alleine und schutzlos da und renne weg, wenn ich das wütende Schnauben der Königin Isebel höre.


Da steigt einer von seinem Podest herunter, weil er seine tatsächlichen Möglichkeiten und seine eigenen Grenzen erkennt. Und das ist nun eine Erfahrung, die auch unsere Gesellschaft in den letzten Monaten weltweit machen mußte. Eben noch waren wir alle unverwundbar und auf Leistungssteigerung getrimmt. Wir haben technische Möglichkeiten und Hilfen genossen, wie nie zuvor in der Weltgeschichte. Wir haben dafür die Natur und das Klima ruiniert und gemeint, nach uns die Sintflut und irgendwie werden wir das doch auch wieder in den Griff bekommen. Wuhan und dieser neue Virus waren weit weg. Manche Realitätsverweigerer glauben bis heute, dass sich doch nichts verändert habe und das Ganze nur eine etwas größere Grippewelle sei. Und viele Menschen hören auch weiterhin noch weg, wenn Virologen vorsichtig anmerken, es könnte sehr wohl sein, dass es kein Leben mehr nach Corona gebe werde, sondern allenfalls mit Corona. Kein sehr angenehmer Gedanke. Aber nicht einmal der liebe Gott ist dafür anzuklagen, sondern wir müssen nun auch damit fertig werden, dass das ganze Desaster von uns Menschen selbst in die Wege geleitet worden ist. Wir haben die Natur so stranguliert, dass uns ursprünglich weit entfernte tierische Viren plötzlich sehr nahe und dann zu nahe gekommen sind.


Ich glaube, trotz der ganz anderen Zeiten und Probleme war sich auch Elia darüber bewußt geworden, dass er sich da selbst in eine schwierige Lage hinein manövriert hatte, aus der er allein nicht mehr heraus fand. Und genau so fühlt er sich nun: Alleine und einsam: „Es ist genug, so nimm nun, Gott, meine Seele“. Der depressive Elia zieht die Reissleine. Wir dagegen denken hoffentlich nicht derartig resigniert. Und doch stehen auch wir alle in diesem Sommer vor der ganz persönlichen Herausforderung, wie jeder von uns mit der aktuellen Situation umgehen soll. Weiter so leben, wie bisher? Das Heute auskosten, nur nicht an Morgen denken? Dem im Grunde ja falschen Freiheitsbegriff folgen, dass nur meine eigenen Freiheitsrechte etwas bedeuten, nicht aber auch die Freiheit und das Lebensrecht der anderen? Oder doch Alltagsregeln einhalten, auf Hygienevorschriften achten, vor-sichtig sein, „vor-sichtig“, was nichts anderes bedeutet als „voraus-schauend“ vorzugehen unter Beachtung aller möglichen Risiken. Damit ist jeder von uns aufgefordert, über das Leben an sich und das eigene Leben nachzudenken.


Im Grunde ist das eine Aufforderung, die viele Menschen überfordert und daher auch Angst macht. Wir sind zudem keine Berufsphilosophen, was kein Schaden sein muß, aber dennoch stehen wir ja auch nicht wie die ersten Menschen vor solchen Herausforderungen. Denn darum geht es ja unserer Eliageschichte. Elia legt sich nur noch hin, macht die Augen zu und beschließt für sich, es gibt keine Zukunft mehr für ihn. „Es ist genug“. Aber Gott sieht das anders. Er schickt Elia eine Botschaft. Von einem Engel ist die Rede, der da kommt. Das klingt gut, eröffnet manchmal aber auch falsche Assoziationen an süßliche Rauschgoldengel. Im Text ist schlicht von einem „Boten“ die Rede und der singt weder „Halleljuha“ noch ein feierliches „Sanctus“, sondern erledigt seinen Auftrag in pragmatischer Kürze.

„Steh auf und iss!“.


Kürzer geht’s nicht, aber im Grunde ist damit auch alles gesagt.


Und wer bei der Aufforderung zum Auferstehen an die Bedeutung der „Auferstehung“ im Neuen Testament denkt, liegt damit sicherlich nicht falsch. „Ich bin kein Gott des Todes“, heißt das, sondern das Gegenteil, nämlich ein Gott des Lebens. Deshalb heißt die Botschaft kurz und bündig: „Aufstehen!“. Und das bleibt kein bloßer Appell, sondern wird begleitet, ganz im Sinne des Wortes, durch „Lebensmittel“, durch die Nahrung, die Elia zum Leben braucht, die er braucht, um sich auch wieder in Bewegung zu setzen. Es gibt keine Diskussionen oder Kommentare zu dem, was war. Keine Moralpredigt Gottes von möglichen Fehlern oder Übergrifflichkeiten Elias, kein erhobener Fingerzeig, von wegen, ein Prophet gibt nicht auf und echte Männer weinen nicht.


Wichtig ist in diesem Augenblick nur, dass Elia weiß, Gott ist da und deshalb ist er, Elia, nicht alleine. In Elias Einsamkeit und Verzweiflung ist Gott durch seinen Boten bei ihm und überlässt ihn nicht sich selbst. Es dauert freilich, bis Elia wieder auf die Beine kommt. Ein zweites Mal wird er von Gottes Boten geweckt und zum Aufstehen und Essen genötigt. Diesmal ergeht auch eine Begründung: „Du hast einen weiten Weg vor dir“. Vierzig Tage und vierzig Nächte lang soll Elia durch die Wüste in Richtung des Gottesberges, des Horeb, laufen. Das sind etwa 300 km zu Fuß. Vierzig Tage und Nächte, im lateinischen also: eine Quarantäne. Auch das kommt uns augenblicklich bekannt vor, obwohl Corona bedingte Quarantänen bei uns auf 14 Tage und Nächte beschränkt bleiben.


Aber damit trennen sich dann auch wieder unsere Wege von den Wegen Elias. Den führt sein Weg zum Horeb, wo er direkt auf Gott trifft und er neue Handlungsanweisungen empfängt. Kein Wort mehr von einem „es ist genug“, sondern es geht weiter. Natürlich geht es weiter, auch bei uns wird es weitergehen, werden wir die neuen Aufgaben bewältigen. Es mag im Einzelfall weh tun und uns Einschränkungen auferlegen. Es wird unseren ganzen Mut und unser Verantwortungsgefühl herausfordern. Und durch die Jahrhunderte hindurch fragt dann dieser Text auch uns:

„Warum sucht ihr Kraft und Stärke, warum sucht ihr das, was ihr zum Leben braucht, woanders als bei dem lebendigen Gott?“


Wenn der Engel hier Elia Brot und Wasser gibt, dann wird damit auch uns gesagt: Ich, Dein Gott, versorge dich. Du brauchst nicht woanders suchen. Ich gebe dir neue Kraft und Stärke. So kam Gott in Elias Lebenssituation, so kommt Gott auch in unsere Lebenssituation und stellt uns vor neue Aufgaben, von denen wohl immer auch eine lautet: „Du hast einen weiten Weg vor Dir“. Ja, es kommt noch etwas, es geht weiter. Gott hat mit uns etwas vor. Er gibt neue Perspektiven, die eine veraltete Situation verändern können. Weil alte Gewohnheiten und alte Fehler nicht mehr weiterführen werden, brauchen wir diesen Blick auf neue Möglichkeiten und Lösungen, auf globale Lösungen und Hilfen, weg von nationalem Egoismus, weg auch von bisherigen gesellschaftlichen Bequemlichkeiten. Wir müssen aufstehen, sagen uns Gottes Boten, egal in welcher Gestalt und Weise sie uns begegnen. Ihr müßt aufstehen, aufstehen zum Leben, aufstehen und neue Wege gehen. Und Gott ist mit uns. Amen.


Studentenpfarrer Dr. Tilman M. Schröder: Predigt über 1. Kö 19, 1-8 gehalten im Semesterschlußgottesdienst am Donnerstag, 16. Juli 2020 in der Hospitalkirche

Damit endet die Reihe der Andachtstexte in diesem Sommersemester.