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access_time Gottes Geduld und des Menschen Ungeduld

Es herrscht Aufbruchsstimmung im Land. Die Cafés haben wieder geöffnet, es flattern Reiseprospekte ins Haus, die bisherigen dem Corona-Virus geschuldeten Einschränkungen werden nach und nach auf Null heruntergefahren. Das Aufräumen nach Corona hat begonnen. Ob das mit der Zeitangabe „nach“ auch wirklich stimmt, wird sich freilich erst erweisen. Noch greift Corona in anderen Ländern und Kontinenten weiter um sich, nur wenige Flugstunden von uns entfernt. Aber hoffen darf man zumindest.


Aufbruchsstimmung also bei den einen, Aufräumstimmung bei den anderen. Zum Beispiel bei den Kirchen und in den Gemeinden. Was haben die letzten Wochen und Monate mit uns gemacht? Sind wir überhaupt noch systemrelevant? Die Politik sagt: nein! – Oder haben wir für uns etwas hinzugelernt, zum Beispiel, dass Streaming-Gottesdienste ohne Ende schon recht schnell ihren Reiz verlieren können? Ein persönliches Gespräch vermögen sie eben nicht zu ersetzen. Gerade aber die protestantische Seite zeigt sich oftmals so sehr dem bloßen Wort verpflichtet, dass sie darüber die Konkretion des gesprochenen Wortes im alltäglichen Handeln aus den Augen verliert. Aber was soll man auch schon machen, wenn Hausbesuche nur mit viel Mühe und Gemeindefeste weiterhin unmöglich sind? Da lohnt sich einmal der Blick hinüber in das Füllhorn katholischer Traditionen. Dort gibt es die sogenannten „Sieben Werke der Barmherzigkeit“. Es geht darum, dass wir handeln sollen, wie Gott handelt. So wie er liebt, sollen wir lieben. So wie er barmherzig ist, sollen auch wir barmherzig sein. Diese sieben Werke der Barmherzigkeit aber gibt es in zweifacher Ausführung. Die erste Gruppe, die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit, die den Seligpreisungen der Bergpredigt folgen wie zum Beispiele Fremde beherbergen oder Gefangene besuchen, sie scheiterten in den letzten Monaten tatsächlich mehrheitlich an den diversen Abstandsbestimmungen. Anders aber sieht es mit der zweiten, später hinzugefügten Gruppe aus, den sieben geistlichen Werken der Barmherzigkeit. Unwissende lehren, das geht auch per Zoom oder Skype. Traurige trösten, da hilft oftmals schon ein ehrlicher Brief. Beten für die Lebenden und die Toten, das geht von zu Hause aus und das gilt auch für die Ratschläge gegenüber Zweifelnden.


Am meisten aber gefällt mir als eines der geistlichen Werke der Barmherzigkeit die Aufforderung, einem lästige Menschen geduldig zu ertragen. Auf lästige Menschen bin ich nämlich in den letzten Wochen öfters gestoßen. Das fing schon bei mir selbst an. Die Kunst, sich selbst zu ertragen, sie wird ja ziemlich strapaziert, wenn man Außenkontakte vermeiden soll und sich auch sonst nicht abreagieren und Luft ablassen kann. Ich erledige meine Termine, also bin ich. Aber was tun, wenn es kaum noch wahrnehmbare Termine gibt? Zunächst also gilt es, Geduld mit sich selbst zu haben, sich nicht so wichtig zu nehmen und auf äußeren Applaus zu verzichten. Auch Humor ist ein empfehlenswertes Mittel, sich selbst nicht zur Last zu fallen, um so auch nicht für andere lästig zu werden.


Die Lästigen, die es darüber hinaus gilt, geduldig zu ertragen, finden wir dann im eigenen Familienkreis. „Lästig sein“ meint dabei gar keinen besonderen Makel der Liebsten, sondern nur, dass ich selbst einfach manches lästig finde. Wenn die Arbeit im Home Office alle paar Minuten von dringenden Wünschen der Familie unterbrochen wird, dann kann es zur gereizten Stimmung führen. Mir hat dann sehr die Einsicht geholfen, welche Geduld und wieviel freundliches Gemüt erst meine 16jährige Tochter erbringt, die mittlerweile 14 Wochen Stubenarrest und Home-Schooling friedlich mit den peinlichen Eltern ausgehalten hat. Da ist doch Toleranz und vor allem Liebe das mindeste, was sie umgekehrt von mir erwarten darf.


Aber dann gibt es ja noch die Lästigen außerhalb der engeren Umgebung. Und da sind uns viele Menschen lästig. Man braucht kein Menschenverächter zu sein, um Menschen anderer Denkungsart oder Umgangsweisen für lästig zu erachten. Zu aufdringlich, zu abweisend, zu fordernd, zu oberflächlich, irgend etwas nervt mich garantiert. Das betrifft auch Menschen am Arbeitsplatz, die andere Meinungen haben, Fragesteller, deren Fragen ich nicht verstehe und sie meine Antworten nicht. Menschen, die mir mit ihrer ganz eigenen Art auf den Wecker gehen. Aber an ihnen allen, den Fremden oder den Kollegen, lernen wir doch, wer wir selbst sind. Wenn wir nur das an uns heranlassen, was wir kennen und was uns ähnlich ist, dann kommen wir mit uns selbst nicht weiter, da gibt es keine innere Entwicklung durch neue Erfahrungen, da leben wir in der Blase. Toleranz dagegen verlangt ja nicht, dass ich alle anderen Lebensweisen für gut halte oder allen fremden Meinungen Beifall spende. Aber eben das meint ja dieses Werk der Barmherzigkeit: die mir Lästigen geduldig zu ertragen, aber dabei nicht zu vergessen, dass sie keineswegs lästiger sind, als ich es selbst oft genug für andere Mitmenschen bin, auf deren Geduld ich dann angewiesen bin. Hauptsache ist, wir bringen die Kraft und den Respekt auf, den anderen zu achten. In diesen Zeiten mehr denn je.


Von Jesus können wir dabei einiges lernen. Den Umgang mit lästigen Zeitgenossen wie den neunmalklugen Schriftgelehrten oder den selbstgerechten Pharisäern, aber auch den unzähligen Fragen- und Bittstellern hat er nie gescheut. Manchmal wurde es aber auch ihm zuviel und lästig und dann konnte selbst er ungeduldig werden, flüchtete sich vor den vielen Menschen und schickte sogar die Jünger weg, um endlich einmal wieder Ruhe zu haben. Aber auf die Dauer hat er sich den Menschen eben nicht entzogen. Keinem, weder den Gerechten noch den Sündern, weder den Freunden noch den Dauernervenden. Und so zählt dann später Paulus wohl zurecht die Geduld zu den besonderen göttlichen Eigenschaften, denen auch wir nachfolgen sollten. In Röm 15,5f. schreibt er:

Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt (....). Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“


Amen.


Wir beten:

Ich strapaziere deinen Geduldsfaden, mein Gott,

aber wer sonst als Du sollte mich auch aushalten,

auf Dauer und bei geringer Aussicht auf Erfolg.


Du bist der Gott der Geduld und des Trostes,

das habe ich eben von Paulus gelernt, und so bitte ich,

dass auch ich etwas von Deiner Geduld lernen kann. Ich will versuchen, geduldig zu sein mit mir selbst.


Es muß nicht alles sofort funktionieren,

es muß nicht immer alles so laufen, wie ich es mir vorstelle.

 

Ich will üben geduldig zu sein auch zu den Menschen,

die mir begegnen,

selbst wenn gerade das mir oft schwer fällt.

Ich will ihnen nicht herablassend begegnen

oder schnell zurechtweisend,

sondern ich will sie annehmen, so wie du mich angenommen hast.

Ich will auf das hören, was uns verbindet

und nicht auf dem beharren, was uns trennt.

Und vielleicht wird dann das, was mir anfänglich bei meinem Gegenüber lästig erschien, zur Inspiration für mein eigenes Leben.

Herr, bewahre deine Geduld mir gegenüber,

und hilf mit geduldig zu sein mit den anderen. Amen.

 

- Studentenpfarrer Dr. Tilman M. Schröder, 17.06.2020