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Der Himmel der kommt

Morgen feiern wir das Fest Christi Himmelfahrt. Zwar haben wir in den letzten Wochen und Monaten unseren Wortschatz mit für uns ganz neuen Begriffen wie „Covid-19“, „Reproduktionsfaktor“, „Lockdown“ oder „Infektionskette“ erheblich erweitert, aber was es dagegen mit dem alten Fest „Christi Himmelfahrt“ auf sich hat, das ist vielen heutigen Menschen fremd. Schon beim Begriff „Himmel“ dürfte es Interpretationsschwierigkeiten geben. Denn der Himmel, der hier gemeint ist, ist sicherlich nicht identisch mit dem Himmel, den viele Schlager besingen, auch nicht gleichzusetzen mit dem Siebten Himmel, dem Himmel auf Erden oder dem Himmel, der gerade von Elon Musk mit Kleinsatelliten vollgeparkt wird. So dichtete einmal der Schweizer Theologe Kurt Marti:

Der Himmel der kommt, ist nicht der Himmel der ist,  Der Himmel der kommt, das ist der kommende Herr, wenn die Herren der Welt gegangen. Der Himmel der kommt, das ist die Welt ohne Leid, wo Gewalttat und Elend besiegt sind. Der Himmel der kommt, das ist die fröhliche Stadt und der Gott mit dem Antlitz des Menschen.

  

So freute sich Marti. Aber ist das dann auch unser Himmel?

 

Der Predigttext für den morgigen Festtag Christi Himmelfahrt steht am Ende des 17. Kapitels des Johannesevangeliums. Es geht um Jesu Abschied, dem Abschied von der Welt und dem Abschied von seinen Jüngern, aber es geht auch um den Blick, den Jesus bereits nach vorne richtet, hin auf die Generationen, die erst noch kommen werden, auf uns also. Jesu legt seine Abschiedsgedanken in ein Gebet, mit dem er sich an seinen himmlischen Vater wendet. Sein Beten schließt mit den Worten:

Vater, ich will, dass wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast: denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war. Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht, ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass Du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen verkündigt, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.“

  

Über die Szenerie, die dieses Gebet umgibt, habe ich mir eigentlich noch nie besondere Gedanken gemacht, aber diesmal kam sie mir irgendwie bekannt vor. Jetzt, wo es überall um uns herum heißt:

„Abstand halten, auf Distanz gehen, mindestens 1Meter fünfzig,“

  

da sehe ich, dass auch Jesus hier auf Distanz geht. Abgewendet von seinen Jüngern ist Jesus bereits im Gehen begriffen. Seine Jünger werden ihn nicht mehr anrühren oder an seiner Brust liegen. Er wird sterben – um dann, wie es in der Sprache des Johannesevangeliums heißt, zu Gott erhöht zu werden. Was wie eine eigentlich klare Trennung wirkt – hier Gott, dort der Mensch – , wird in der Person Jesu verbunden werden. In Jesus offenbart sich der sonst unsichtbare Gott und spricht mit uns. Wir aber erkennen in Jesus uns selbst und wie wir sein könnten in der Menschlichkeit, die uns von Gott gegeben worden ist. Und Jesus selbst – er trägt beides mit sich, das Wort Gottes seines Vaters, und unsere menschliche Schuld, die er in seinem Tod auf sich nimmt. Und so feiern wir die Himmelfahrt Jesu als Verwandlung des Himmels: Als Jesus in den Himmel einzog, löste sich für uns Gottes Dunkelheit auf und zeigte sich uns Gott in einem menschlichen Gesicht. Während die Jünger also noch erschrocken die plötzlich entstandene Distanz zu Jesus wahrnehmen, überwindet Jesus in seinem Abschiedsgebet gerade diese Trennung. Er betet für die Jünger, aber zugleich für alle Menschen, die ihm nachfolgen wollen. Und so macht er uns klar, dass Distanzen manchmal sogar nötig sind, dass manchmal eine Trennung ertragen werden muß, um den Blick frei zu bekommen für eine neue Orientierung und eine neue Erkenntnis. Denn auch die Jünger müssen erkennen, dass da nicht mehr der gute Kumpel Jesus ist, der charismatische Wanderprediger von eben, sondern dass in ihm Gott selbst das helfende, heilende und uns ermutigende Wort ergreift. Und Jesus selbst denkt gar nicht daran, uns, seine Jünger im Stich zu lassen. Im Gegenteil:

„Wie du Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein,“

  

so bittet er. So hat auch unser gegenwärtiges „auf Distanz gehen“ zwei Seiten: es erweckt in uns immer wieder das Gefühl der Isolierung und fehlt uns die Umarmung des Freundes, der Freundin. Es zeigt uns aber gerade dadurch, wie wichtig die gegenseitige Nähe ist, das füreinander da sein, das helfende Miteinander. Als Jesus ging, fanden sich seine Anhänger trotz schwieriger Zeiten aus der Zerstreuung zu einer Gemeinde zusammen. Wenn unsere gesetzlich angeordneten Distanzen wieder der Normalität weichen, dann wäre auch hier zu hoffen, dass sich das aktuelle Zusammengehörigkeitsgefühl nicht gleich wieder in die Luft der bloßen Selbstinteressen auflöse, sondern ein großes Stück gegenseitiger Solidarität erhalten bleibt. „Damit sie alle eins seien“, so betet Jesus bei seinem Abschied, und das wäre tatsächlich schon ein Vorgriff auf den Himmel, der da kommen soll. Amen.

     

Wir beten:

Jesus Christus, wir müssen dich nicht erst in unseren selbst erdachten und meist auch schlecht konstruierten Himmeln suchen wollen,
denn da, wo du bist, da ist der wirkliche Himmel – im Himmel und auf Erden.
Wenn wir das Gefühl haben, du bist nicht da;
dann lass‘ uns deine Nähe spüren und fange unsere Zweifel auf.
Wenn gerade jetzt die Angst vor dem, was noch auf uns zukommen kann, wächst,
dann gib uns den Mut, im Vertrauen auf deine Hilfe unsere Wege weiterzugehen.
Wenn wir uns einsam fühlen, dann lasse uns die Menschen nicht übersehen,
die unsere Wege kreuzen und sich an unserem Lächeln und an einem guten Wort erfreuen.
Wenn wir uns fragen, warum alles so ist, wie es augenblicklich ist,
dann lass‘ uns neben uns schauen, um deinen Himmel, um also dich selbst zu suchen und um uns so von dir finden zu lassen.
Dein Himmel, Herr, steht uns offen. Dafür danken wir dir. Amen

  

und beten gemeinsam zu dir:

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

     

Und der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und gebe dir Frieden. Amen

 

Studentenpfarrer Dr. Tilman M. Schröder, 20.05.2020