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record_voice_over Odem des Lebens

Diese Abbildung fand ich am Sonntag in der Online-Ausgabe der FAZ. Sie hat mich zunächst irritiert, von wegen: was ist das eigentlich. Dann aber hat sie mich fasziniert und ich merkte, dass ist etwas für unsere heutige Andacht zwischen Corona-Pandemie und dem kommenden Pfingstfest.

Was Ihr hier seht, das sind die neuen Fenster der Heilig-Kreuz-Kirche in München-Giesing. Das heißt, so neu sind diese Fenster gar nicht. Sie wurden im Herbst letzten Jahres eingesetzt, wobei niemand ahnen konnte, welche Aktualität sie bald erhalten sollten. Die Fenster zeigen Lungen. Es sind etwa 1200 Röntgenbilder genau des menschlichen Organs, das jetzt vom Corona-Virus attackiert wird. Geschaffen hat diese Fenster der Münchner Fotokünstler Christoph Brech. 2016 hatte er von der Heilig-Kreuz-Kirchengemeinde dafür den Auftrag erhalten. Die Heilig-Kreuz-Kirche in München-Giesing ist eine Neugotische Kirche, also keine mittelalterlicher Bau, sondern im Stil des Mittelalters gebaut und 1886 eingeweiht. Übrigens neun Jahre, bevor Conrad Röntgen die nach ihm benannten Strahlen entdeckte. In eine solche Kirche passt also auch Modernes hinein, wenn das Licht stimmt. Die Röntgenaufnahmen vom Thorax erhielt Brech anonymisiert von Arztpraxen, es sind Routineaufnahmen, wie man sie bei TBC-Reihenuntersuchungen oder vor Operationen macht. Selbst Gemeindeglieder brachten ihre eigenen Aufnahmen und auch die Lungen des Pfarrers und Christoph Brechs sind hier verewigt. Brech hat die Aufnahmen bearbeitet, die Hell-Dunkel-Wechsel umgekehrt und die Knochenstrukturen entfernt. So sieht man recht beeindruckend die Flügelform der Lunge.

Aber warum gerade Aufnahmen des Thorax? Nur der geschwungenen Formen wegen, weswegen sie so gut zu den Schwingen der Engel im Hochaltar passen? Nicht ganz. Brech hatte einen biblischen Vers im Kopf, der ihn dazu angestiftet hat: „Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.“ (1. Mos 2,7). Gott gibt dem Menschen in der Schöpfung seinen göttlichen Atem und der Mensch, hier also wirklich ein Abbild Gottes, beginnt selbst zu atmen und lebt in Gottes Schöpfung, nun auch er zu schöpferischem Tun bereit. Irgendwann aber nimmt Gott seinen Atem auch wieder zurück und der Mensch stirbt. Der erste und der letzte Atemzug – und dazwischen verläuft unser Leben. Die 1200 Bilder zeigen die Einzigartigkeit der Lunge und zugleich ihre Vielfalt. Alles andere fehlt in diesen Darstellungen: wir wissen nicht, ob der ursprüngliche Besitzer der jeweiligen Lunge eine Frau oder ein Mann war, kennen weder Farbe, Geschlecht noch Alter. „Was bleibt,“ so sagt Brech, „was bleibt, ist das Urmenschliche, das, was dem Menschen sein Leben erhält.

 

Im normalen Alltag denken wir freilich nicht weiter an das, was Brech das Urmenschliche und uns am Leben erhaltende nennt. Wir strapazieren unseren Körper und dabei auch unsere Lungen, es sind Verschleißteile, die zu funktionieren haben. Es gibt Menschen, die behandeln ihr Auto besser als ihren Körper. Immerhin haben die meisten irgendwann begriffen, dass regelmäßiges Rauchen dann doch nicht gesundheitsförderlich ist. Aber wir brauchen oft genug erst die Erkrankung, den Funktionsverlust von Organen, die Angst vor dem Virus um in uns hineinzuhorchen, um wieder darüber nachzudenken, was uns eigentlich am Leben erhält. Und tatsächlich sind ja gerade Atemprobleme, das keine Luft mehr bekommen, wohl das, was Menschen am meisten ängstigt. Es ist das doch eigentlich Selbstverständliche, so denken wir, das plötzlich fehlt. Die Fenster von Giesing erinnern daran, dass uns Leben und Lebenszeit gegeben ist – als Leihgabe. Verkürzen können wir beides, verlängern aber nicht. Auch Corona erinnert uns an unsere eigene Zerbrechlichkeit. Die biblischen Texte gehen da anders vor: Zerbrechlichkeit ja, aber zugleich Freude und Dankbarkeit darüber, von Gott Leben geschenkt zu bekommen. Irgendwann nimmt es Gott zurück, aber bis dahin geht viel. Es ist wohl kein Zufall, wenn es in der letzten Verszeile des letzten Psalms in der Bibel, Psalm 150, heißt: „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn“. Es ist ein Votum für das Leben, es ist das Lob für den Spender dieses Lebens. Noch sind einige Fenster in der Giesinger Kirche mangels Röntgenbilder leer. Aber vielleicht, so mutmaßte die Redakteurin der FAZ, gibt es irgendwann ein spezielles Fenster mit Aufnahmen von Corona genesenen Lungen. Auch das wäre zum Lob Gottes und uns zur Erinnerung, das Leben ein einmaliges, ein uns anvertrautes Geschenk ist, das es zu behüten gilt.

 

Wir beten:

Dein Odem Gott, ist uns Menschen Lebensatem.

Du hast uns das Wunder Leben eingehaucht,

hast uns zum Leben erweckt vom ersten Schrei bis zum letzten Atemzug.

Zu deinesgleichen hast du uns gemacht.

 

Daran laß uns denken, wenn uns unser Leben gerade jetzt

manchmal schwer fällt,

wenn so viel Unerwartetes auf unser Leben anstürmt

und sich Lebensplanungen deswegen verändern.

 

Du bist es, der unser Leben erhält und unsere Wege mitgeht.

Gib, dass wir uns nicht an unnötigen Problemen abarbeiten,

sondern den langen Atem haben, Neues zu beginnen.

Amen.

 

Studentenpfarrer Dr. Tilman M. Schröder, 27.05.2020