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bug_report An(ge)dacht vom 29. April 2020, von Studentenpfarrer Dr. Tilman M. Schröder

Der Prophet Joel steht im Ranking der bekanntesten Gestalten des Alten Testaments nicht gerade ganz vorne. Aus den vier Kapiteln seines Buches findet meistens nur ein Vers Interesse, da spricht Gott durch den Mund des Propheten davon, dass er seinen Heiligen Geist ausgießen will über Alte und Junge, Männer und – man höre und staune – auch über Frauen. Warum Gott das tun will, interessiert heute wohl kaum einen Hörer, aber genau das sollte es in diesen Tagen und Wochen tun!

 

Denn Joel lebt und spricht während einer Naturkatastrophe etwa um 300 v. Chr. Es sind zwar keine Corona-Viren, mit denen er da zu tun bekommt, sondern etwas größere, sichtbare, aber ebenfalls recht gefrässige Typen, nämlich Heuschrecken. Joel berichtet das ziemlich plastisch.

Es zieht herauf in mein Land ein Volk, mächtig und ohne Zahl, das hat Zähne wie die Löwen und Backenzähne wie die Löwinnen. Es verwüstet meinen Weinstock und frißt meinen Feigenbaum kahl, schält ihn ganz und gar ab, dass seine Zweige weiß dastehen.... Das Feld ist verwüstet und der Acker ausgedörrt; das Getreide ist verdorben, der Wein steht jämmerlich und das Öl kläglich. Die Bauern sehen traurig drein und (...)heulen um den Weizen und um die Gerste, weil aus der Ernte auf dem Felde nichts werden kann.“


Ja, das haben wir schon wieder bei unseren Diskussionen über schnelleren oder späteren Lockout aus den Augen verloren. Genau in diesen Monaten werden große Teile von Afrika, Indien und Pakistans von solch einer enormen Heuschreckenplage heimgesucht. Wehe den Menschen dort, wenn der dadurch ebenfalls angesagten Nahrungskatastrophe noch der Corona-Virus folgen wird. Und Joels Bericht lässt nichts aus. Selbst das Problem der nicht mehr gefeierten öffentlichen Gottesdienste, das Menschen verunsichert oder sogar verärgert, kennt er gut:

Umgürtet euch und klagt, ihr Priester, heulet, ihr Diener des Altars! Kommt und behaltet auch im Schlaf das Trauergewand an, ihr Diener meines Gottes! Denn Speiseopfer und Trankopfer gibt es nicht mehr im Hause Gottes.“


Aber Joel bleibt nun nicht bei der bloßen Schilderung der Katastrophe stehen und spendet den Opfern Trost. Das ist ihm zu wenig. Solche Katastrophen, so seine Meinung, sind zugleich Anfragen an unser bisheriges Denken und Handeln. Und der uns fragt, ist Gott. Und er stellt dabei eine wichtige Frage, um die es im Grunde auch jetzt bei uns geht. Wovor habt ihr wirklich Angst? Eine Heuschreckenplage ist nicht direkt tödlich, natürlich wird es Überlebende geben.

 

Das gilt auch für Hungerzeiten, das gilt sogar für eine Pandemie. Jeder Tod in solcher Zeit ist eine persönliche Tragödie, aber trauern wir in diesen Tagen um die Toten? Augenblicklich streiten wir uns in Deutschland über den Sinn von Mundmasken, wie die Wirtschaft schnell in Gang kommt und ab wann wieder die Bundesliga loslegt. Viele Menschen trauern darum, dass ihre Gewohnheiten, ihre Rituale und Tagesabläufe in Unordnung geraten sind. Die auf stetigen Zuwachs angelegte Wirtschaft bejammert die Möglichkeit, nein, nicht dass wir alle in Armut stürzen, sondern dass die Wachstumsraten in den kommenden Jahren geringer ausfallen werden. Ja, es gilt sicherlich, von manchen liebgewonnenen Dingen Abschied zu nehmen. Aber wäre das nun in jedem Fall wirklich so schlimm oder eher die Chance für einen echten Neubeginn?

 

So argumentieren zumindest eine ganze Reihe biblischer Texte. Ihnen geht es vor allem um Brüche und Veränderungen, nicht aber um die Wiederholung des ewig Gleichen. Alleine schon der Tod und die Auferstehung Jesu ist so ein totaler Abbruch von bisherigen Gepflogenheiten mit Schuld und Sühne umzugehen. Danach ist nichts mehr wie zuvor. Und auch Joel fordert in diesem Moment der Katastrophe dazu auf, die bisherigen Lebensgewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen und zu fragen, was ist wichtig, was brauche ich wirklich, worauf aber kann ich verzichten. Im Namen Gottes fordert Joel dazu auf:

„Zerreisst eure Herzen und nicht eure Kleider und bekehret euch zu dem Herrn, eurem Gott!“


Das Zerreissen der Kleider entspräche allenfalls dem üblichen Bußritual, aber hier geht es Joel um mehr, es geht um die Fähigkeit, mit sich selbst zu brechen, denn nur der Bruch mit dem alten Herzen, mit dem alten Selbstverständnis und den alten Handlungsprinzipien ist der Weg zum neuen und reinen Herzen und zu einem neuen Hören auf Gott.

 

Im Großen ahnen wir ja schon, was auf uns zukommt. Seit Jahrzehnten auf kostengünstig, also billig getrimmte Gesundheitssysteme, ungezügelte Eingriffe in Naturräume, eine Wirtschaft mit zuwenig Weitblick, alles das bekommt unsere Welt gerade zu spüren. Viele Menschen wissen auch, wenn sich da nichts verändert, dann meldet sich schon sehr bald die nächste unberechenbare Krise. Aber werden wir noch im nächsten Jahr so denken oder ist dann die sog. „neue Normalität“ doch wieder von unserer alten Welt der lieben Gewohnheiten eingeholt worden?

 

Joel ruft auf zum Bruch mit dem Alten und zum Abschied auch von unbrauchbar gewordenen Denkweisen. Der Abschied als ein Akt der Befreiung, eben auch der eigenen Befreiung. Daraus könnte Neues entstehen. Die daran anknüpfende und eingangs erwähnte Ankündigung im Joelbuch, dass Gott dafür seinen Geist reichlich ausgießen wird über alle Menschen, ist das nun Joels Gewissheit oder sein resignativer Seufzer, dass wir das selbst alleine mit unserem oft kleinlichen Geist nicht hinbekommen werden? Im besten Fall geht beides zusammen, Hoffnung und Einsicht, und das ist Grund genug, das Buch Joel nicht vorschnell wieder zuzuklappen. Denn der Mann weiß offensichtlich wovon er spricht.



Herr, unser Gott, die Welt verändert sich

und diesmal können wir uns nicht mehr heraushalten.

Die Welt verändert sich

und diesmal nicht in fernen Ländern der Dritten Welt,

sondern in unserer nächsten Umgebung.

Die Welt verändert sich

und zeigt uns die Bruchlinien in unserer Gesellschaft.

Die Welt verändert sich,

aber verändern auch wir uns?

Werfen wir alte Gewohnheiten ab und setzen uns neue Ziele in Sachen Gerechtigkeit,

Umgang mit der Natur und einem menschenwürdigen Leben für alle Menschen?

Die Welt verändert sich, Herr,

hilf uns, dass wir davor nicht in Angst erstarren,

sondern im Vertrauen auf Dich uns auf neue Wege machen.

Dein Heiliger Geist, Herr, verändere uns und schenke uns zukunftsfähige Träume.

Amen!